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Jason Colavito scheitert an Atlantis

Der bekannte Autor und Forscher scheitert an seiner politischen Voreingenommenheit

Thorwald C. Franke
© 04. September 2021




Der Autor und Forscher Jason Colavito hat einen Bachelor of Arts vom Ithaca College (Ithaca/New York), mit den Schwerpunkten Anthropologie und Journalismus. Im Jahr 2010 startete er seine Website mit Blog. Dort entlarvt er regelmäßig Pseudowissenschaft, insbesondere Fake News zur antiken Geschichte, mit einem Blick auf die Überschneidungen von Pseudohistorie und Popkultur. Jason Colavito hat im Laufe der Jahre mehrere Bücher veröffentlicht und zahlreiche Artikel in wichtigen und weniger wichtigen Zeitschriften und Zeitungen geschrieben. Er war als Berater für Fernsehprogramme wie National Geographic oder den History Channel sowie für große Museen tätig.

Jason Colavito ist – ohne jeden Zweifel – in der Lage, ein wissenschaftliches Thema auf überzeugende Weise, mit Substanz, klarer Logik und transparenten Belegnachweisen auszuarbeiten, und er fügt oft zusätzliche interessante Aspekte und Überlegungen hinzu, die niemand vor ihm gesehen hat. Alles in allem ist Jason Colavito ein fähiger Entlarver von Pseudowissenschaft, und es lohnt sich oft zu lesen, was er zu sagen hat, selbst wenn man anderer Meinung ist.

Dennoch scheitert Jason Colavito an der Frage nach Platons Atlantis. Wie er scheitert und warum er scheitert wird im folgenden analysiert.

Man beachte, dass diese Analyse nicht die Absicht hat, Jason Colavito zu "zerstören". Die Idee, Andersdenkende zu "zerstören" ist kindisch. Es geht hier darum, notwendige und legitime Kritik zu üben, damit diese Kritik diejenigen Wirkungen entfalten kann, die sie in einer freien Gesellschaft hat. Es ist heute außerdem kein Einzelfall, sondern der Normalfall, dass Autoren – auch wissenschaftliche Autoren – an Atlantis scheitern, weil das Thema dermaßen komplex ist, dass nur wenige es überschauen.

Scheitern an der Frage nach Atlantis auf der Sachebene

Als Grundlage für diese Analyse werden wir eine ganze Reihe von Veröffentlichungen von Jason Colavito heranziehen:

Wer die Sachanalyse zu trocken findet, um alles auf einmal zu lesen, kann zum "Zwischenergebnis" springen und später weiterlesen. Man beachte, dass es unerlässlich ist, die Sachargumente zu klären.

Scheitern auf Sachebene – Buch "Golden Fleeced"

Auf S. 4 seines Buches "Golden Fleeced" diskutiert Jason Colavito das Problem der Überlieferung von Informationen über Atlantis durch die Zeit hindurch. Zunächst sagt er, es sei notwendig, "proposing a plausible method of transmission". Doch dann ändert er die Formulierung und spricht plötzlich von "proving": "we would need to prove ... We would also need to prove ..." etc.

Hier haben wir den klassischen Fall einer falschen Zuordnung der Beweislast. Die Beweislast kann selten nur einer Seite zugeordnet werden, wenn der Fall nicht klar ist. Klar ist lediglich, dass die wortwörtliche Lesart von Atlantis keine Chance auf Realität hat. Aber wenn man Platons Atlantis im historischen Kontext betrachtet, wie es sich gehört, ist nichts mehr klar. Wenn es um das umstrittene Konzept der "Platonischen Mythen" geht, um literarische Kniffe, die erst Jahrhunderte nach Platon entwickelt wurden, oder um die typischen Irrtümer in Bezug auf Geschichte und Geografie zu Platons Zeiten, ist nichts mehr einfach.

In Fragen der Antike wird es höchstwahrscheinlich nie Gewissheit geben, weder für die eine noch für die andere Seite. Die Beweislast muss auf der Grundlage der Vernunft klug verteilt werden, unter der Perspektive, der antiken Realität so nahe wie möglich zu kommen und nicht durch unrealistische Forderungen nach einem 100%igen Beweis realistische Möglichkeiten auszuschließen. Es ist durchaus gerechtfertigt, z.B. für die Frage des angeblichen Alters von 9.000 Jahren von Atlantis überzeugendere Erklärungen zu fordern, aber für die Frage der Überlieferung von Informationen von Solon an Platon mag Plausibilität ausreichen, wie Jason Colavito selbst in seinen einleitenden Sätzen andeutet. In jedem Fall sollte die Frage der Beweislast sorgfältig gehandhabt werden, nicht einseitig, sondern nach vernünftigen Maßstäben beantwortet werden und nicht übersehen oder gar durcheinander gebracht werden, wie wir es hier sehen können.

Vor allem ist es nicht zulässig, bei der Atlantisgeschichte, die in ihrem historischen Kontext völlig historisch aussieht und kein Wunderland beschreibt, die Beweislast zu 100% den Atlantissuchern zuzuschieben, während zugleich Atlantisskeptiker keine Veranlassung sehen, irgendeinen Beweis für ihre vagen Hypothesen vorzulegen, die sich regelmäßig auf Argumente stützen, die längst widerlegt sind – oder gar den hanebüchenen Standpunkt einzunehmen, man müsse erst zu 100% beweisen, dass Atlantis real ist, bevor man sich auf die Suche machen darf, ob es vielleicht real ist.

Auf S. 4 f. sagt Jason Colavito, es gäbe angeblich "not a single scrap of evidence ... nothing that indicates Egyptian ... knowledge of anything like Atlantis prior to 360 BCE."

Das ist natürlich eine voreilige Schlussfolgerung. Da wir nicht wissen, welche antike Kultur Atlantis war, können wir nicht sagen, ob die alten Ägypter Wissen darüber bewahrt hatten oder nicht. Höchstwahrscheinlich beruht diese voreilige Aussage auf der stillschweigenden Annahme, Platons Atlantisgeschichte wörtlich zu nehmen, denn nur dann wäre eine solch starke Behauptung richtig. Doch das ist höchst unwissenschaftlich. Antike Texte müssen in ihrem historischen Kontext interpretiert werden, was zeittypische Irrtümer und Missverständnisse aufdeckt. Erst auf der Grundlage eines solchen Verständnisses wird es möglich sein, Atlantis mit bekannten Kultur zu vergleichen. Man denke nur an das alte Ägypten, wie es von Herodot beschrieben wird: Es war angeblich 11.340 und mehr Jahre alt. Ohne den Fehler von Herodot zu durchschauen, könnten wir das Ägypten des Herodot niemals mit dem wirklichen Ägypten identifizieren, das erst um 3.000 v. Chr. entstanden ist. Jason Colavito selbst sagt auf S. 6, dass die Beschreibung von Troja verfälscht wurde. Dasselbe gilt sicher auch für Atlantis, falls es existierte.

Auf S. 5 stellt Jason Colavito die Atlantisgeschichte der Ilias gegenüber, die einige echte bronzezeitliche Informationen enthält. Platons Atlantis hingegen enthält angeblich keine Details aus der Bronzezeit, meint Jason Colavito.

Das stimmt einfach nicht. Sehr typisch für die Bronzezeit sind große Zahlen von Streitwagen in der Armee, wie in Atlantis. Die Streitwagen der Eisenzeit, wie sie von den Persern verwendet wurden, waren Sichelstreitwagen, während Platon zwei verschiedene Arten von Streitwagen beschreibt, und keiner davon ist ein Sichelstreitwagen. Auch in der Ilias gelten die Beschreibungen von Streitwagen als typisch für die Bronzezeit. Dann gibt es noch die Beschreibung des Stierkults, der den kultischen Ritualen der minoisch-mykenischen Zivilisation sehr ähnlich ist. Oder man denke an die Tatsache, dass Platon richtig beschrieben hat, dass die Griechen einst eine Schrift besaßen, diese aber wieder verloren haben. Das ist nur wahr. Natürlich könnten all diese Aspekte der Atlantisgeschichte theoretisch auch ohne die Bronzezeit erklärt werden. Aber das gilt ebenso für die bronzezeitlichen Aspekte in Homers Ilias.

Auf S. 5 stellt Jason Colavito die Frage, warum die Griechen des klassischen Zeitalters so gut wie nichts über die mykenische Ära wussten, während "the same people somehow retained street-level knowledge of Atlantis but not their own cities?"

Eine seltsame Frage, denn nach Platon wurde das Wissen um Atlantis angeblich in ägyptischen Archiven bewahrt, nicht in Griechenland. Die Griechen selbst haben sich nicht an diese Zeit erinnert. Genau das ist die Behauptung von Platons Atlantisdialogen: Dass es möglich ist, durch das Lesen in ägyptischen Archiven viel weiter in die Vergangenheit zurückzublicken, als es die Griechen selbst konnten. – Vielleicht beruht die Frage von Jason Colavito auf einem Fehler, der von Atlantisskeptikern häufig gemacht wird: Es ist die irrtümliche Annahme, dass die Gründung der ägyptischen Stadt Sais 1000 Jahre nach der Gründung der Stadt Athen bedeuten würde, dass die Atlantis-Geschichte 1000 Jahre lang (!) mündlich (!) unter den Griechen (!) überliefert worden wäre, bevor sie in der ägyptischen Sais niedergeschrieben wurde. Doch das ist falsch. Der Kern des Irrtums liegt in der Verwechslung von Ägypten und Sais. Ägypten existierte (in den Augen der alten Griechen) natürlich schon viel länger, mindestens 10.000 Jahre, wie z.B. Platon in den Gesetzen (Nomoi II 656e) bestätigt, und wie es alle antiken Autoren zu Platons Zeit annahmen. Der Irrtum der Atlantisskeptiker lässt sich auch leicht daran erkennen, dass nichts davon explizit in Platons Text steht: Hätte Platon wirklich eine so außergewöhnliche Aussage über 1000 Jahre mündliche Überlieferung in Griechenland machen wollen, dann hätte er es explizit geschrieben.

Auf S. 6 schreibt Jason Colavito, dass Schliemann die Stadt Troja finden konnte, obwohl die Beschreibung verzerrt war. Und dass viele andere Quellen ebenfalls über die Stadt Troja schreiben, darunter hethitische Texte, die Troja "Wilusa" nennen. Doch die Ägypter schweigen über die Atlanter.

Auch dies ist eine sehr voreilige Schlussfolgerung. Wie Jason Colavito selbst zur Stadt Troja sagt, liegt das Problem in der verzerrten Beschreibung. Und deshalb ist es nicht so klar, ob niemand sonst über Atlantis geschrieben hat. Das Problem ist die Identifizierung bekannter historischer Orte und Ereignisse mit Atlantis. Natürlich schrieben die Ägypter nicht über "Atlanter", denn das war nicht ihr Name. Aber auch die Hethiter schrieben nicht über "Troja" oder "Ilion", sondern über "Wilusa". Man muss schon einige Nachforschungen anstellen, bevor man sagen kann, dass "Wilusa" "Ilion" bedeutete, und es ist vernünftig, das Gleiche für Atlantis zu erwarten. Übrigens wird diese Identifizierung nicht von allen modernen Forschern akzeptiert. Aber wie auch immer, es gibt tatsächlich mehrere Ereignisse in der ägyptischen Geschichte, die für Atlantis in Frage kommen.

Auf S. 7 schreibt Jason Colavito, dass "Even the ancient authors themselves were fairly certain Plato made it all up."

Das ist nun völlig falsch. Bekannte antike Autoren wie Theophrast, Krantor, Strabon, oder Poseidonios waren alle für die Existenz von Atlantis. Dies gilt auch für die Platoniker, die mit bestimmten Christen im Streit lagen, die Atlantis für eine Erfindung hielten, weil das Alter von 9.000 Jahren nicht zu ihrer Auslegung der Bibel passte, die diese Christen an ein Alter der Welt von nur 6.000 Jahren glauben ließ. Auch viele Neuplatoniker der Spätantike hielten Atlantis für real. Der erste namentlich bekannte Atlantisskeptiker trat erst 500 Jahre nach Platon auf. Und nein, es gibt keine ausdrückliche Aussage von Aristoteles gegen die Existenz von Atlantis. Für Details siehe das Buch "Kritische Geschichte der Meinungen und Hypothesen zu Platons Atlantis" von Thorwald C. Franke 2016, 2. erweiterte Auflage 2021, und für Aristoteles im besonderen siehe "Aristoteles und Atlantis" von Thorwald C. Franke, 2. erweiterte Auflage 2016.

Auf S. 7 schreibt Jason Colavito, dass "in absence of any evidence ... we must conclude that Atlantis was ... fictional ...".

Wie wir gesehen haben, kann man nicht behaupten, dass sich rein gar keine Hinweise und Verbindungen finden ließe. Außerdem ist es übertrieben, gleich nach "evidence" zu verlangen. Bloß weil es keine "evidence" gibt, dass Atlantis ein realer Ort war, zu schließen, dass es deshalb ganz sicher fiktional sein müsse, ist einfach ein falscher Schluss. – Auch hier gelingt es Jason Colavito nicht, die Beweislast richtig zu verteilen. Es mag durchaus vernünftig sein, skeptisch zu sein und es für unwahrscheinlich zu halten, dass Atlantis existierte, und es mag gerechtfertigt sein, dass die Beweislast eher auf der Seite der Atlantis-Sucher liegt. Aber die Beweislast liegt nicht vollständig auf ihrer Seite.

Es gibt auch viele Unplausibilitäten, die mit der Annahme verbunden sind, dass Platon die Geschichte erfunden hat: Verfolgte Platon nicht ein Wahrheitsprogramm? Warum hat Platon eine erfundene Geschichte so eng mit sehr ernsten Dingen verknüpft? Und wenn man von einem Täuschungsmythos ausgeht, dann stellen sich wiederum einige unangenehme Fragen. Mit einer erfundenen Atlantisgeschichte ist es nicht so einfach, wie viele Atlantisskeptiker meinen. Aber sie schweigen sich über ihren Teil der Beweislast völlig aus.

Letztlich wäre es akzeptabel gewesen, wenn Jason Colavito es z.B. als "wahrscheinlich" bezeichnet hätte, dass Atlantis eine Erfindung Platons war, und sich offen für bessere Antworten auf diese Frage gezeigt hätte. Aber es gibt keinen Grund für ein striktes Urteil zugunsten einer Erfindung. Ganz und gar nicht. Was strikt ausgeschlossen werden kann, sind jene pseudowissenschaftlichen Atlantishypothesen, die an ein Atlantis um 10.000 v. Chr. denken. Aber das ist nicht das, was Jason Colavito gesagt hat.

Auf S. 7 schreibt Jason Colavito, Platon habe Atlantis als fiktionale Doublette von Athen verstanden.

Das hört sich so an, als ob Platon diese Absicht mit der Atlantisgeschichte explizit zum Ausdruck gebracht häte. Das hat er aber nicht. Um genau zu sein, wird in den Atlantisdialogen das genaue Gegenteil zum Ausdruck gebracht: Dass es sich um eine reale Geschichte handelt. Die Behauptung, Atlantis sei ein fiktionaler Ort gewesen, ist erst einmal nur eine Behauptung. Die Beweislast liegt auch auf Seiten der Atlantisskeptiker.

Auf den Seiten 8 und 10 widerlegt Jason Colavito Richard Freunds Hypothese von Atlantis in Spanien, indem er Platons Atlantis-Geschichte wortwörtlich nimmt: Die Insel ist nicht groß genug, das genaue Muster der konzentrischen Ringe fehlt, und die Zivilisation, um die es geht, existierte nicht 9.000 Jahre vor Solon und Platon, sondern ist viel jünger.

All das sind berechtigte Fragen, und Richard Freund, der diese Hypothese aufgestellt hat, hat sie nicht zufriedenstellend beantwortet. Aber natürlich weiß Jason Colavito, dass es bessere Antworten gibt, und dass eine wortwörtliche Lesart anstelle einer historisch-kritischen Lesart schlicht unwissenschaftlich ist. Platon wollte mit Sicherheit nicht auf das Ende der Eiszeit hinweisen, sondern auf eine Zeit nach der Gründung Ägyptens, und das auch dann, wenn er die Atlantisgeschichte erfunden haben sollte. Atlantisskeptiker, die auf einer wörtlichen Lesart der 9.000 Jahre bestehen, sind ebenso pseudowissenschaftlich wie Atlantissucher, die davon ausgehen, dass Atlantis 9.000 Jahre vor Solons und Platons Zeit existierte. Das Gleiche gilt für Größenangaben. Man denke nur an die antiken griechischen Geographen, die aufgrund einer Theorie des Gleichgewichts auf der kugelförmigen Erde tatsächlich riesige Kontinente jenseits des Meeres annahmen. Sie glaubten wirklich an solche Dinge und Missverständnisse aus ägyptischen Quellen klangen glaubwürdig. Dasselbe gilt für den Schlamm im Meer vor Gibraltar, der angeblich ein Überbleibsel der versunkenen Insel sein soll. Selbst Aristoteles glaubte an die Existenz dieses Schlamms. Wenn Platon die Geschichte von Atlantis erfunden hat, dann hat er kein Wunderland erfunden, soviel ist sicher. Abgesehen davon, dass griechische Historiker wie Herodot sich in Bezug auf Zeiten und Größen vergleichbarer Dimensionen geirrt haben. Was wie eine Erfindung aussieht, ist in Wirklichkeit ein Fehler: Ein großer Unterschied! Daher ist es wirklich nicht so einfach zu sagen, ob Atlantis ein realer Ort war oder nicht.

Scheitern auf Sachebene – Blogeinträge

In einem Blogbeitrag vom 27. April 2013 stellt Jascon Colavito am Rande die These auf, dass aktuelle Versuche, Atlantis für real zu halten, die Grenzlinie zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft verwischen würde: "Blavatsky began to destabilize the distinction between science and science fiction, between history and mythology – something also seen in the contemporary claims for the reality of Atlantis – and thus, a century early, inaugurated what would become postmodernism’s attack on the authority of science."

Es ist natürlich falsch, dass wirklich alle aktuellen Versuche, Atlantis als realen Ort zu deuten, pseudowissenschaftlich sind. Dann sind auch John V. Luce, Eberhard Zangger und Herwig Görgemanns Pseudowissenschaftler. Im Kommentarbereich des Blogs versuchte ich – unabhängig von irgendeiner konkreten Atlantishypothese – deutlich zu machen, dass die Frage nach der Realität von Atlantis nicht so einfach zu beantworten ist, wie viele denken.

Darauf antwortete Jason Colavito knapp: "Try asking why the same people who want to read Atlantis as real somehow don't think much of Panchaea, an equally fictitious lost continent that Euhemerus also presented as a historical reality. The answers can be quite instructive."

Hier übersieht Jason Colavito, dass der Text von Euhemeros recht leicht als Fiktion zu erkennen ist. Die Fiktionssignale sind in diesem Fall eindeutig, nicht aber im Fall von Atlantis. Die Frage ist nur, ob Euhemerus von Platons Atlantisgeschichte inspiriert wurde oder nicht, und wenn ja, was das bedeutet. Wie Franco De Angelis und Benjamin Garstad 2006 feststellten, war die Vorlage für die Erfindung von Euhemeros' Panchaia höchstwahrscheinlich nicht Atlantis, sondern etwas ganz anderes, siehe De Angelis et al. (2006). Das hier von Jason Colavito vorgebrachte Argument ist eines dieser oberflächlichen und schnoddrigen Zurückweisungen der Atlantisfrage, die nicht funktionieren, wenn man unter die Oberfläche des Arguments schaut.

Als ich vorbrachte, dass die Atlantisgeschichte nicht wie Platons Höhlengleichnis funktionieren soll, sondern dass man sich im Falle von Atlantis die Frage stellen darf, ob es funktionieren würde, wenn es erfunden wäre, und dass man eine politische Theorie nicht beweisen kann, indem man Geschichte erfindet, weil ein Beweis nur in der realen Geschichte funktioniert, entgegnete Jason Colavito: "I can't agree with you that Plato's Timaeus and Critias fail to work if Atlantis were fictional; nor can I agree that political theory cannot be illustrated with fiction. Immediately Utopia comes to mind. By your logic, it sounds like you'd also be asking us to believe Utopia was a real place."

Auch das Werk Utopia von Thomas Morus ist eindeutig als erfundene Geschichte gekennzeichnet, sogar durch seinen Titel: Ou-topos = Nicht-Ort. Das kann man von Platons Atlantis nicht sagen. Wenn der Autor einer politischen Theorie eine Geschichte erfindet, die angeblich wahr ist und die zeigen soll, dass die politische Theorie funktioniert, und die von vielen antiken Lesern als reale Geschichte gelesen wurde, dann ist das einfach ein Betrug an den Lesern. Man kann gewiss nicht sagen, dass die Leser der Dialoge das "verstanden" haben werden. Nein. Deshalb sehen mehrere Wissenschaftler die Atlantisgeschichte als einen Täuschungsmythos (was auf andere Probleme stößt, aber hier nicht mehr davon). Thomas Morus' Utopia und Platons Atlantis gleichzusetzen, ist nur eine weitere dieser oberflächlichen und forschen Ablehnungen der Atlantis-Frage, die nicht funktionieren, wenn man unter die Oberfläche des Arguments schaut.

In einem Blogeintrag vom 04. April 2015 hat Jason Colavito die Aussagen von Platons Atlantisgeschichte über Ur-Athen analysiert. Er kommt zu dem Schluss: "there isn’t a single detail of the supposedly Mycenaean Athens described by Plato that isn’t either (a) wrong for the date or (b) observable from the ruins Plato could have visited and seen himself in 360 BCE. Therefore, I can only conclude that Plato did not receive his information about Athens from a genuine historical report preserved by Egyptian priests and passed on to Solon around 600 BCE."

Das ist richtig und falsch zugleich. Die Frage des Datums, der 9.000 Jahre, wurde bereits oben erörtert. Das Argument der 9.000 Jahre ist wirklich ein Problem für Atlantisskeptiker, weil es ihnen oft den Eindruck vermittelt, dass die ganze Geschichte es nicht wert ist und sie zu früh aufhören zu denken. Ein großer Fehler! Aber es gibt noch ein weiteres Problem: Auch aus anderen Teilen der Atlantisgeschichte geht hervor, dass Platon die Geschichte durch seine eigenen Schlussfolgerungen bereichert hat. Diese Anreicherungen sind nicht als phantasievolle Ausschmückungen zu verstehen, sondern als gültige Schlussfolgerungen, d.h. als das, was Platon wirklich geglaubt hat, dass es passiert ist. Es ist wahr, dass es keiner Informationen aus Ägypten bedurfte, um viele Teile der Beschreibung von Ur-Athen zu erfinden oder zu schlussfolgern. Sie wurden vielleicht eher von Platon selbst geschlussfolgert als in einem alten ägyptischen Text gefunden. Das bedeutet aber nicht, dass es keinen solchen ägyptischen Text gab. Im Gegenteil: Warum valide Schlussfolgerungen in einem engem Kontext zu einer lediglich erfundenen Geschichte vorbringen? Es ist ohnehin zweifelhaft, ob in dem ägyptischen Text von Athen die Rede war. Wenn es einen solchen ägyptischen Text gegeben hätte, dann wäre darin von Mykene als der wichtigsten Stadt Griechenlands zu dieser Zeit die Rede gewesen, wie schon Zangger richtig feststellte. Und erstaunlicherweise passt diese Stadt immer noch irgendwie auf die Beschreibung, vielleicht sogar besser.

In einem Blogeintrag vom 07. August 2016 sieht Jason Colavito Elemente der babylonischen Astrologie und des vorderasiatischen Flutmythos in Platons Atlantisgeschichte.

Das alles ist zu verneinen. Die hohen Jahreszahlen gehen nicht auf babylonische Quellen zurück, sondern auf Fehlinterpretationen der Chronologie von ägyptischen Quellen, wie man bei Herodot sehen kann. Und der nahöstliche Flutmythos betraf die ganze Erde, und im Mittelpunkt steht ein Menschenpaar, das in einem Boot überlebt, bis die Flut zurückgeht – nichts davon findet sich in Platons Flut von Atlantis: Die Atlantisflut ist nur regional, es gibt keine Überlebenden, und die Flut zieht sich nicht wieder zurück. Atlantis bleibt versunken.

In einem Blogeintrag vom 21. Juli 2021 ergänzt Jason Colavito seine Argumentation zugunsten des nahöstlichen Flutmythos als Inspiration für die Atlantisgeschichte mit dem Entschluss des Gottes Zeus, das moralisch korrupte Atlantis zu zerstören.

Zunächst einmal ziehen die meisten Altertumsforscher hier einen Vergleich zum göttlichen Rat der olympischen Götter in Homers Epen, nicht aber zu nahöstlichen Flutmythen. Und anders als Jason Colavito glaubt, finden wir einen ähnlichen Götterrat sehr wohl in der ägyptischen Literatur, nämlich im "Buch der Himmelskuh". Zudem ist nicht ganz klar, ob Zeus wirklich beschließt, Atlantis zu zerstören, da die Geschichte davor abbricht. Und schließlich werden, wie bereits gesagt, in den Flutmythen des Nahen Ostens alle Lebewesen vernichtet, bis auf einige wenige, die überleben, während die Zerstörung von Atlantis total ist und die Flut sich danach nicht einmal zurückzieht. (Denn es handelt sich nicht um eine Flut, sondern um eine Insel, die untergeht: Ein großer Unterschied!)

In einem Blogeintrag vom 07. August 2016 sagt Jason Colavito, dass es in der Atlantisgeschichte keine typisch ägyptischen Elemente geben würde.

Es gibt in der Tat typisch ägyptische Elemente in dieser Geschichte. Von einer versunkenen Insel lesen wir in der ägyptischen Erzählung vom Schiffbrüchigen. Asien und Libyen sind die "kanonischen" Feinde Ägyptens. Überschwemmungen und Erdbeben waren in Ägypten bekannt. In der Atlantisgeschichte spiegeln sich vor allem die für die spätägyptische Periode typischen Haltungen und Fehler wider. Wenn die Atlantisgeschichte eine Erfindung ist, dann ist sie eine sehr gute Erfindung. – Und nicht zuletzt: Die eigentliche Frage ist nicht, ob es ägyptische Elemente in der Geschichte gibt, sondern ob es atlantische Elemente in der Geschichte gibt!

Im Blogeintrag vom 07. August 2016 kritisiert Jason Colavito nicht, dass die Atlantis-Hypothese von Edwin Swift Balch "dismisses many of Plato’s details as exaggerations or fabrications, either from Plato himself, his alleged source Solon, or his alleged source, the Egyptian priests." Colavito sagt sogar: "For its time, this was a very good argument".

Das ist seltsam. Man sollte meinen, dass das Weglassen von Details als Rosinenpickerei kritisiert werden sollte. Aber es geschieht hier nicht. Denn das Weglassen vieler Details spielt der von Jason Colavito bevorzugten Hypothese in die Hände, dass sich am Ende alles als erfunden herausstellt und als nicht real abgetan werden muss. Dies ist zumindest ein unzureichendes Argument. Aber es gibt noch mehr dazu zu sagen. Die Vorstellung, dass Platon einfach willkürlich irgendeine Art von Märchen erfunden hat, ist ein Problem. Es gibt viele Hindernisse, die Geschichte von Atlantis als reale Geschichte auf der Ebene der Fakten zu lesen, aber es gibt auch viele Hindernisse, die Geschichte von Atlantis als eine erfundene Geschichte auf der Ebene von Platons Philosophie und der Art und Weise, wie er seine Dialoge schrieb, zu lesen. Jason Colavito vermeidet jedoch fast immer diesen letzteren Aspekt des gesamten Problems. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass irgendetwas in der Atlantisgeschichte nur eine ausschmückende Erfindung ist und nichts weiter. Deshalb haben Platonforscher, die Atlantis für eine Erfindung halten, einen schweren Stand, all diese vielen Details zu interpretieren, und einige von ihnen geben das offen zu.

In einem Blogeintrag vom 21. Juli 2021 stützt sich Jason Colavito in seiner Argumentation erneut auf eine wortwörtliche, unwissenschaftliche Lesart: "Because the story of Atlantis as written cannot be literally true—Athens did not exist in 9,600 BCE alongside Atlantis, for example—every believer in the Atlantis story has to pick and choose which parts of Plato to accept and which to reject, inevitably meaning that they are hunting something that is not the Atlantis of Plato."

Wenn das wahr wäre, wie wäre es dann möglich, das Ägypten des Herodot mit dem wirklichen Ägypten zu identifizieren? Das ganze Argument zeigt, dass jede tiefere Vorstellung von historischer Kritik fehlt. Die Interpretation eines antiken Textes in seinem historischen Kontext ist keine Rosinenpickerei, sondern die einzig vernünftige Art, ihn zu lesen. Seltsamerweise schlägt Jason Colavito selbst eine Interpretation im historischen Kontext vor, einige Zeilen später: "Herodotus reckoned (estimated, actually, at three generations per century) all Egyptian history to have lasted 11,340 years (Histories 2.142), so if Plato were inspired by Egypt, he would locate his story somewhere within the limits of history as known to him." Sehr richtig, das ist genau das, was ich der Welt seit Jahren sage. Vermutlich hat mein Samen hier doch Wurzeln geschlagen?

Im selben Blogeintrag sagt Jason Colavito, dass Platon die Zeit der Gründung von Ur-Athen und Atlantis mit dem Krieg von Atlantis verwechseln würde. Und da dies nicht zusammenpassen würde, wäre es erfunden.

Erstens gibt es keine solche Verwirrung. Bei den Daten handelt es sich offensichtlich um ungefähre Daten, die in runden Zahlen von Tausenden von Jahren angegeben werden. Es gibt genügend Spielraum für Abweichungen von mehreren Jahrhunderten. Aber noch wichtiger ist, dass kein erfahrener Leser antiker Texte, geschweige denn ein klassischer Philologe, von einem Fehler, einer Unstimmigkeit oder einem Anachronismus ohne weiteres auf eine Erfindung schließen würde. Es gibt viele Möglichkeiten, warum ein antiker Text inkonsistent sein kann. Und es liegt selten daran, dass er eine Erfindung ist. Unter Altertumswissenschaftlern ist das allgemeine Meinung, doch seltsamerweise verschwindet diese allgemeine Meinung immer dann, wenn es um Atlantis geht.

Scheitern auf Sachebene – Aus der Rezension zu "The Mound Builder Myth"

Concerning Atlantis, the book creates the impression that the Atlantis story had "long considered to be fictional", until the 19th century, and then had been revived by fraudulent Europeans such as Fortia d'Urban (pp. 273 f.). But this is wrong. Atlantis had been long considered real, and what started in the 19th century was not a revival of the idea of a real Atlantis, but quite the opposite: It was the start of the idea that Atlantis had been fictional becoming the prevailing idea.

It is also wrong that "the Spanish" considered Mexico Atlantis (pp. 273). Only "some" Spanish thought of Mexico as Atlantis, not "the" Spanish. The official Spanish position was to reject this idea (e.g. Antonio de Herrera y Tordesillas 1601).

Missing is Francis Bacon's "New Atlantis". Here, the Indian civilizations of Southern America are Atlantis, and Plato's cyclically repeating catastrophes are the reason why the Indians fell down from a higher level of civilization. This would have been an example of Atlantis belief fitting better to reality than usually expected, and it would be interesting to see whether and how Francis Bacon's view influenced the views of the 18th/19th century.

Ignatius Donnelly is misrepresented as a racist (chapter 11). Of course, Donnelly's views are partially racist under a modern perspective, but under the perspective of his time, the opposite holds true. Donnelly was a progressive politician, fighting for the abolition of slavery. He even wrote a novel about a white man living like a black and suffering discrimination ("Doctor Huguet", 1891). Furthermore, Donnelly's Atlanteans were not only white, but also yellow and red, and even excluded some white peoples. According to Donnelly, Europeans were not purely white but a mixture of white and yellow. And in American prehistory, all races of all kinds had met and lived together, as he wrote. Donnelly's core motivation was clearly not racist although he expressed various racist stereotypes prevailing in his time. The abuse of Donnelly's work, e.g. by omitting that Donnelly's Atlanteans are not only white, is much more harmful than the original work itself.

Scheitern auf Sachebene – Aus der Rezension zu "The Legends of the Pyramids"

Der Umgang von Jason Colavito mit dem Thema Atlantis ist wie immer äußerst mangelhaft. Zugegeben: Das Thema Atlantis ist sehr komplex und Jason Colavito ist nicht der erste, der diese Fehler begeht.

Zunächst wird Atlantis "fabulous" genannt (S. 23) und es ist von "its wonders" die Rede (S. 24). Doch Atlantis war nicht "fabulous" und auch kein Wunderland, sondern fügte sich in den Augen der alten Griechen perfekt in deren damalige Weltsicht ein. An Atlantis war nichts Phantastisches oder Magisches. Jason Colavito unterlässt es auch, die 9000 Jahre von Atlantis mit den 11340 Jahren von Herodots Ägypten in Beziehung zu setzen (S. 23), von denen er kurz zuvor erzählt hatte (S. 11). Doch nur unter diesem Gesichtspunkt versteht man überhaupt, wie man die 9000 Jahre deuten muss. Platon wollte jedenfalls bestimmt nicht auf die letzte Eiszeit verweisen, soviel steht fest.

In der Darstellung Ägyptens bei Platon unterlaufen Jason Colavito zwei schwere Fehler: "Plato attributed the whole story to the Egyptians, claiming it had been written on pillars in an old temple and known only to the wise priests." (S. 23) – Beides ist falsch. In Platons Timaios 24a heißt es, dass der Priester zusammen mit Solon "Schriften zur Hand nehmen" werde (ta grammata labontes), und das kann nur ein Papyrus sein. Die Legende von den Tempelsäulen kam erst später auf, vermutlich mit der Geschichte von Krantor, wie sie von Proklos überliefert wird. – Aber auch die "weisen Priester" sind falsch. Denn der Priester, der Solon auf Atlantis hinweist, wird als namenloser, alter Priester beschrieben, nicht als "weiser" Priester. Es handelt sich um einen der vielen Anhaltspunkte, die die Geschichte sehr realistisch wirken lassen. Erst spätere Autoren haben versucht, den Priester als einen namentlich bekannten und berühmten Priestergelehrten darzustellen (Plutarch, Proklos, Clemens von Alexandria, Kosmas Indikopleustes). – Insofern die Entstehung eines falschen Ägyptenbildes das zentrale Thema dieses Buches ist, handelt es sich um zwei schwerwiegende Fehler.

Und es unterläuft Jason Colavito auf derselben Seite gleich noch ein dritter schwerwiegender Fehler, mit dem er sich zusätzlich in einen Selbstwiderspruch verwickelt: Auf der einen Seite wird die Aussage Platons richtig dargestellt, dass die zyklisch auftretenden Flutkatastrophen Ägypten verschonen – auf der anderen Seite wird behauptet, dass in der Atlantisgeschichte von einer Weltflut die Rede sei ("its history occurred before the greatest flood of all, the one that destroyed the world."; S. 23, auch S. 37). Doch das ist falsch. Die Flutkatastrophen in der Atlantisgeschichte sind regionale Katastrophen. Wie bereits richtig gesagt, soll insbesondere Ägypten von diesen Flutkatastrophen jeweils verschont geblieben sein.

Jason Colavito möchte auf eine Gleichsetzung der Flut von Atlantis mit der biblischen Sintflut hinaus, zwischen denen er "extremely close parallels" (S. 24) sieht, doch das ist falsch. Die Flut von Atlantis ist nicht nur keine Weltflut, sondern es ist auch falsch, dass Zeus am Ende der Atlantisgeschichte die Zerstörung von Atlantis ankündigt, wie Jason Colavito meint (S. 24). Vielmehr wird dort eine Strafe zur Besserung der Atlanter angekündigt, und das kann nicht die Zerstörung sein. Immerhin: Vielleicht wurde die Zerstörung von Atlantis bei einer zweiten Götterversammlung beschlossen. Ebenfalls falsch ist es, wenn Jason Colavito schreibt: "In all of these stories, key elements repeat", denn neben der Tatsache, dass die Atlantisflut keine Weltflut war, zählt Jason Colavito ein wichtiges Schlüsselelement auf, das in der Altantisgeschichte gar nicht vorkommt: "A small number of people are saved" (S. 24). In der Atlantisgeschichte gibt es keine Arche Noah, soviel steht fest. – Es gibt also keine "extremely close parallels" zwischen der Atlantisgeschichte und der biblischen Sintflutsage, sondern mehrere gewichtige Unterschiede.

Völlig irreführend ist es, wenn Jason Colavito von Platons Atlantisgeschichte mit den Worten "Parts of the story can be found in" zu Apollodoros, Ovid und Lukian überleitet (S. 24). Diese Autoren sprechen nicht von Atlantis. Zudem dürfte mit Apollodoros die Bibliotheca des Pseudo-Apollododors gemeint sein. Denn Apollodoros selbst ist bekannt für eine Aufzählung von damals bekannten unglaubwürdigen Wundergeschichten, in denen die Atlantisgeschichte auffällig fehlt; sie war für ihn offenbar keine unglaubwürdige Wundergeschichte.

Es ist auch falsch, wenn Jason Colavito davon schreibt, dass "later Jewish, Christian, and Islamic commentators, all of whom saw ... a reason to associate Atlantis with the antediluvian world that existed before Noah's flood". Es ist zwar richtig, dass einige christliche Autoren diese Verbindung irrigerweise gezogen haben (z.B. Clemens von Alexandria, Kosmas Indikopleustes), aber andere christliche Autoren haben sehr wohl erkannt, dass die Flut von Atlantis keine Weltflut war (z.B. Tertullian, Arnobius Afer).

Es kann deshalb auch keine Rede davon sein, dass die Atlantisgeschichte "the blueprint for associating Egypt's greatest wonders – the pyramids – with Noah's flood" war (S. 25). Mir ist kein antiker Text bekannt, in der von Pyramiden in Atlantis die Rede ist. Dieser Gedanke kam erst in der Neuzeit auf, als man die Pyramiden der indianischen Kulturen in Amerika mit den Pyramiden in Ägypten verglich. Es ist zwar richtig, dass die Pyramiden schon in der Antike mit der biblischen Sintflut in Verbindung gebracht wurden, aber die Atlantisgeschichte war dabei nicht im Spiel.

Jason Colavito selbst erwähnt in den folgenden Kapiteln auch nirgends einen solchen Zusammenhang, speziell auch dort nicht, wo er hätte erwähnt werden müssen, wenn es diesen Zusammenhang gegeben hätte, so z.B. bei der Diskussion der "Many Flood Stories" (S. 29). Auch, dass die Atlantisgeschichte angeblich auf Tempelsäulen geschrieben stand, wird in den folgenden Kapiteln nicht mehr erwähnt, obwohl dort viel von den Mythen die Rede ist, die sich um die Inschriften auf Säulen und Tempelwänden ranken. Es ist fast so, wie wenn Jason Colavito seinen eigenen Behauptungen über Atlantis nicht getraut hätte, so dass er sie in seiner späteren Argumentation lieber wegließ. Die Argumente, die er statt dessen vorlegt, sind auch viel besser und zweifelsohne richtig (z.B. Flavius Josephus S. 32).

Es ist geradezu verwunderlich, dass Jason Colavito erst mit Ignatius Donnelly wieder auf die Verbindung von Atlantis und den Pyramiden zu sprechen kommt. Die Vermutung, dass die ägyptischen Pyramiden mit den Pyramiden der indianischen Kulturen in Amerika über den versunkenen Kontinent Atlantis zusammenhängen, ist deutlich älter. Diese Beobachtung geht mindestens zurück bis Carlos de Sigüenza y Góngora 1680.

Jason Colavito verkürzt zudem die Darstellung von Ignatius Donnelly in einer Weise, die den eigentlichen Sinn verfälscht. Laut Colavito hätte Donnelly geschrieben, "that Atlantis had been populated by White people and Jews, the chosen races of God. 'Atlantis was the original seat of the Aryan or Indo-European family of nations,' he wrote." (S. 207 f.) – Doch wenn wir bei Donnelly nachlesen, finden wir etwas ganz anderes. Dort heißt es: "That Atlantis was the original seat of the Aryan or Indo-European family of nations, as well as of the Semitic peoples, and possibly also of the Turanian races." (S. 2 Donnelly) Die "Semitic peoples" umfassen wesentlich mehr als nur die Juden, und die Turanier sind "gelb". Und von "chosen races" ist überhaupt nicht die Rede. Lediglich "chosen people" wird in Bezug auf die Juden an einer ganz anderen Stelle erwähnt (S. 212 Donnelly). Auch die Europäer sind für Donnelly keine reinen Weißen, sondern eine Mischung verschiedener "Farben" (S. 197 Donnelly). – Natürlich ist das alles aus moderner Perspektive immer noch rassistisch, aber es ist eben keinesfalls dermaßen rassistisch wie es bei Jason Colavito klingt.

Zwischenergebnis

Was wir bisher gesehen haben, sind unzureichende Argumente. Aber sie sind nicht nur unzureichend. Sie sind zum Teil noch schlimmer als das. Sie sind viel zu einfach, und das von einem Autor, der immer wieder zeigt, dass er auf höherem Niveau argumentieren kann: Da gibt es z.B. einen Blogeintrag vom 07. August 2016, in dem Jason Colavito eine Atlantishypothese zur minoischen Zivilisation ganz fair und explizit unter der (seltsamen) Perspektive ihrer eigenen Zeit beurteilt. Und in einem Blogeintrag vom 27. Juli 2018 entdeckt Jason Colavito sogar die lichte Seite von Ignatius Donnelly, der von progressiven politischen Ideen motiviert war, die sich in seiner Atlantishypothese widerspiegeln. Warum also so einfach?

Es ist eine gewisse Absicht erkennbar, jeder Interpretation die Akzeptanz zu verweigern, die Atlantis nicht wesentlich für Fiktion hält, und zwar nicht aus guten Gründen, sondern aus Prinzip. Das sieht man z.B. daran, dass die Argumentation oft die vereinfachende Wendung nimmt, dass es sowieso nicht real sein kann, egal wie, und wichtige Fragen systematisch ausgeklammert werden. Besonders auffällig ist das Unverständnis darüber, was es bedeutet, die Atlantisgeschichte historisch-kritisch zu lesen, und stattdessen immer wieder von einer wortwörtlichen Lesart auszugehen.

Auf diese Weise wird die Grenze zwischen legitimer Wissenschaft und legitimen Fragen auf der einen Seite und Pseudowissenschaft auf der anderen Seite zu eng gezogen. Der Ausschluss einer historisch-kritischen Analyse ist besonders seltsam. Wenn man etablierte wissenschaftliche Meinungen nicht mit vernünftigen Argumenten hinterfragen darf, erscheint die Wissenschaft als autoritäres System und verliert an Glaubwürdigkeit. Viele gutwillige, vernünftige Leser haben den Eindruck, dass ihre vernünftigen und legitimen Fragen nicht als das respektiert werden, was sie sind, und viele von ihnen werden vermutlich auf die Rattenfänger der Pseudowissenschaft hereinfallen, obwohl ihr erster Ansatz gar nicht pseudowissenschaftlich war. Eine zu strenge Beurteilung legitimer Fragen bringt Pseudowissenschaft hervor, anstatt sie zu bekämpfen. Die Frage bleibt: Woher kommt diese überstrenge Beurteilung?

Die politische Voreingenommenheit

Generelles Scheitern in Sachen Pseudowissenschaft auf politischer Ebene

Es gibt eine zweite Seele in Jason Colavitos Herz, und diese ist eine politische Seele. Hinter jeder Art von Pseudowissenschaft sieht Jason Colavito eine politische Motivation, und zwar nicht irgendeine politische Motivation, sondern meist eine rechtsradikale, rassistische Motivation. Und tatsächlich hat Jason Colavito mit dieser Vermutung oft recht. Es gab und gibt in der Tat Pseudowissenschaftler, die nicht-weiße Völker als minderwertig ansehen, und deshalb entwickeln sie pseudowissenschaftliche Ideen aller Art, z.B. dass die nicht-weißen Völker ihre Pyramiden und Tempel angeblich nicht selbst gebaut haben. Dazu gehören auch Hypothesen über "ancient aliens". Es lohnt sich zu lesen, was Jason Colavito zu diesem Thema zu sagen hat, denn er hat einen Punkt.

Doch hier erhebt sich ein großes Problem: Nicht jeder Pseudowissenschaftler und nicht jede Pseudowissenschaft ist rassistisch motiviert. Und nicht jede unbedachte Äußerung ist ein Hinweis auf eine rassistische Gesinnung. Und mehr noch: Nicht jedes Thema, das typischerweise von Pseudowissenschaftlern diskutiert wird, ist per se ein pseudowissenschaftliches Thema. Man kann z.B. sehr vernünftig über Außerirdische oder Platons Atlantis nachdenken. Und man muss zwischen dem Missbrauch eines Themas und dem Thema selbst differenzieren. In diesen heiklen Fragen ist also eine sehr sorgfältige Differenzierung notwendig.

Und es gibt immer auch die andere Seite der Medaille: Hinter vielen pseudowissenschaftlichen Ideen steht nicht die politische Rechte, sondern die politische Linke. Jeder weiß z.B., dass die antiautoritäre Bewegung von 1968 viel pseudowissenschaftlichen Unsinn hervorgebracht hat. Die Wissenschaft war nur eine weitere "schlechte Autorität", der man in den Flower-Power-Jahren misstraute, und so ging die Wissenschaftsfeindlichkeit einher mit Technikfeindlichkeit, der Anti-Atomkraft-Bewegung, der Anti-Impf-Bewegung, der Anti-Kriegs-Bewegung, dem Antikapitalismus, der Feindschaft gegen gentechnisch veränderte Lebensmittel und der "New Age"-Mystik. Es war kein Zufall, dass Erich von Däniken seinen großen Erfolg genau im Jahr 1968 hatte.

Aber Jason Colavito scheint es immer mehr an der Sensibilität und Unparteilichkeit zu fehlen, die nötig sind, um zu differenzieren und Maß und Mitte zu halten. Vor Jahren fiel das Problem noch nicht auf. Es gab eine kleine politische Voreingenommenheit in Jason Colavitos Schriften, nicht größer als bei anderen Autoren, und solange man das wusste, konnte man gut damit leben. Aber im Laufe der Trump-Jahre, so scheint es, hat Jason Colavito einen Prozess der Radikalisierung durchgemacht. Vielleicht liegt das an der ständigen Hetzkampagne der Linken gegen Präsident Trump, denn auch hier war Jason Colavito immer voll mit dabei, jenseits jeder Differenzierung. Jüngste Botschaften von Jason Colavito auf Twitter sprechen eine deutliche Sprache: "Conservatism is the use of hypocrisy to impose power imbalances. It always comes down to hate." (25. Juli 2021). "The Right has moved to an open embrace of dictatorship, hoping to impose fascist values by force." (04. August 2021)

Jason Colavito will jedes Thema, das potentiell pseudowissenschaftlich sein könnte, unterdrücken und verbieten, nur weil es der anderen Seite politisch in die Hände spielen könnte! Wenn man ein harmloses Interesse an UFOs hat oder sich ein paar vernünftige Gedanken über Platons Atlantis macht – es soll in jedem Fall aus den Medien verbannt werden, so Jason Colavito. Es stellt sich nicht mehr die Frage, was die Motivation ist, oder wie das Thema behandelt wird: Es ist das Thema selbst, das jetzt als toxisch angesehen wird.

In einem Blogeintrag vom 19. Juni 2021 schrieb Jason Colavito über Scott Wolter: "I very clearly and frequently said that I did not believe that he is personally racist; instead, I have consistently said that the claims he makes about European colonization of the pre-Columbian Americas and the Old World origin of secret knowledge are rooted in Victorian era racism and carry with them racist implications."

Man beachte: Scott Wolters Behauptungen über eine mögliche präkolumbianische Kolonisierung sind ein Thema, das nicht nach seinem möglicherweise fragwürdigen wissenschaftlichen Wert oder nach einer möglicherweise vorhandenen rassistischen Perspektive beurteilt wird. Scott Wolters Thema wird von Jason Colavito unter "rassistischen Implikationen" beurteilt, die angeblich mit dem Thema selbst verbunden sind, unabhängig davon, ob Scott Wolters Behauptungen wahr sind, oder ob Scott Wolter seine Behauptungen mit oder ohne rassistische Perspektive darstellt. Diese letzteren Punkte sind sicher legitime Ansatzpunkte für Kritik, aber unabhängig davon? Wohl kaum.

In einem "Salon"-Interview vom 21. Juni 2021 erklärt Jason Colavito seine Ansichten über UFOs: "But in a more practical sense, [Tucker] Carlson has been all in on pushing flying-saucer conspiracy theories, in large measure because flying-saucer conspiracy theories have long been associated with right-wing extremism. Now, that is not to say that everyone who is interested in UFOs and flying saucers is a right-wing conspiracy theorist – but right-wing extremist groups have made a concerted effort to infiltrate flying saucer and UFO communities in order to use that belief in conspiracy theory as a wedge issue to draw more people into that type of conspiratorial thinking." Jason Colavito fügt hinzu, dass "at least one one of the Capitol rioters was wearing an 'Ancient Aliens' sweatshirt with Giorgio Tsoukalos' face on it."

Hierzu muss mehr als eine Frage gestellt werden: Werden UFOs wirklich "schon lange" mit Rechtsextremismus in Verbindung gebracht? Nein, natürlich nicht! In den 1950er Jahren mag es ein "konservatives" Thema gewesen sein (aber "rechtsextrem"?), aber 1968 wurde es zu einem "alternativen" Thema, immer dem Zeitgeist folgend. Haben rechtsextreme Gruppen in den letzten Jahren tatsächlich UFO-Gemeinschaften unterwandert? Selten, oder wie sollten sie das erst kürzlich getan haben, wenn doch UFOs angeblich "schon lange" mit Rechtsextremismus in Verbindung gebracht werden? Ist Tucker Carlson wirklich "all in" auf das Thema UFOs eingestiegen? Gewiss nicht! Er mag dem Thema gegenüber offener sein, als es vertretbar ist, aber er ist sicher nicht "all in" wie z.B. Erich von Däniken. Ist Tucker Carlson ein Rechtsextremist? Wikipedia beschreibt ihn als Paläokonservativen, nicht als Radikalen. Was sich mit Sicherheit sagen lässt ist, dass er in der Lage ist, legitime Fragen zu stellen, die für eine radikalisierte Linke unangenehm sind. Und stimmt es wirklich, dass man, wenn man erst einmal an UFOs glaubt, leicht zu jeder anderen pseudowissenschaftlichen Theorie geführt wird? Von einem ausgeprägten UFO-Glauben, ja. Aber was bedeutet Glaube an UFOs genau? Vernünftige Überlegungen über Außerirdische auf wissenschaftlicher Ebene? Spekulationen über Außerirdische auf einer philosophischen Ebene? Berechtigte Fragen, ob es sich bei UFOs um noch unbekannte chinesische Technologie handeln könnte? – Und dann das 'Ancient Aliens'-Sweatshirt mit dem Gesicht von Tsoukalos darauf: In einem anderen Interview mit Slate vom 12. Februar 2021 verrät Jason Colavito: "Tsoukalos is an outspoken liberal". Das Gesicht eines "outspoken liberal" als Symbol für Rechtsextremismus?! – Es ist leicht zu erkennen, dass Jason Colavitos Hypothese von UFOs als einem Symbol für Rechtsextremismus nicht funktioniert.

Eher das Gegenteil ist der Fall: Wenn die derzeit vorherrschenden linken Medien (und Jason Colavito gehört zu ihnen) UFOs lange genug als rechtes Symbol anprangern und das Thema meiden und es so den Rechten überlassen, dann könnte es tatsächlich zu einem rechten Symbol werden. Aber das ist dann eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Man produziert selbst das, was man vorgibt zu bekämpfen. Jason Colavito scheint sich einer solchen dialektischen Dynamik nicht bewusst zu sein. Hier nicht und generell nicht. Oder es ist ihm egal. Oder es ist seine stille Absicht, solche dialektischen Dynamiken zu erzeugen, einen Strohmann zu schaffen und dann auf ihn einzuschlagen. Was auch immer es ist: Es ist ein Problem.

Und was ist mit der anderen Seite des politischen Spektrums? Jason Colavito schweigt und schadet damit seiner Glaubwürdigkeit erheblich. In einem "Salon"-Interview vom 09. August 2021 macht Jason Colavito die Konservativen der 1950er Jahre für die Anti-Impf-Bewegung unserer Zeit verantwortlich, während er es vermeidet, die "alternative" Anti-Impf-Bewegung von 1968 zu erwähnen. Und was ist mit den linksgerichteten Gruppen, die die Universitäten unterwandert haben? Was ist mit den vielen fragwürdigen Theorien bzw. fragwürdigen Übertreibungen legitimer Theorien, die von linken Wissenschaftlern aufgestellt wurden? Wir alle kennen die Übertreibungen auf dem Gebiet der Gender-Theorie, der Critical Race Theory, der Dekolonisierung oder z.B. in Bezug auf den vom Menschen verursachten oder auch nicht verursachten Klimawandel. Sind wir verpflichtet, all diese Übertreibungen als Wissenschaft zu akzeptieren, nur weil sie an Universitäten hervorgebracht wurden? An Universitäten, die wegen ihrer politischen Voreingenommenheit stark gefährdet sind, ihre gesamte Glaubwürdigkeit zu verlieren? Hier steht mehr auf dem Spiel als nur die Glaubwürdigkeit eines einzelnen Autors. Aber zurück zu Jason Colavito: Wie wir aus Blogeinträgen und Tweets schließen können, akzeptiert Jason Colavito viele dieser Übertreibungen. Für ihn ist es Wissenschaft, wie sie sein sollte. Aber was, wenn diese Theorien auch eine Art ideologischer Köder sind, um uns für linke Ideen zu öffnen? Wie leichtgläubig muss man sein, um die bekannten Übertreibungen als normale Wissenschaft zu akzeptieren? Ist diese Leichtgläubigkeit nicht auch gefährlich? Und wenn wir der Meinung sind, dass eine radikale Interpretation der Gender-Theorie oder des menschengemachten Klimawandels Pseudowissenschaft ist und irgendwie mit einer finsteren politischen Motivation zusammenhängt, wie es Jason Colavitos Meinung zu UFOs ist, haben wir dann das Recht, ein Verbot dieser Themen zu fordern, wie Jason Colavito es tut?

Diese willkürliche kulturelle Säuberung von vermeintlich "kontaminierten" Themen ist natürlich aus mehreren Gründen nicht akzeptabel. Erstens ist es eine Frage der Freiheit. Mit Jason Colavitos derzeitigem Ansatz könnte man jede Art von Freiheit willkürlich strangulieren. Aber es ist auch eine Frage der Vernunft und der Wissenschaft, Freiheit des Denkens zu haben. Ohne Freiheit kann man keine Wissenschaft betreiben. Und es ist auch eine Frage von Vernunft und Differenzierung. Diese Themen sind einfach nicht inhärent "kontaminiert", sondern sie werden missbraucht. Schließlich erhöht ein solcher Ansatz nicht die Glaubwürdigkeit bei denjenigen, die vernünftige und legitime Fragen haben und eine freundliche Anleitung brauchen, um zu verstehen, was möglich und plausibel ist und was nicht. Am Ende produziert die politische Radikalisierung wiederum nur die Pseudowissenschaft, die sie bekämpfen will.

Betrachten wir, wie sich das in Bezug auf Platons Atlantis auswirkt.

Scheitern an der Frage nach Atlantis auf politischer Ebene

In einem Blogeintrag vom 02. Juni 2021 kommentierte Jason Colavito die plötzliche und überraschende Herausnahme der Serie "Hunting Atlantis" aus dem TV-Programm durch den Discovery Channel. Jason Colavito triumphierte:

"Hunting Atlantis generated controversy online after critics (myself included) pointed out that the Atlantis myth has long been used in support of colonialist, imperialist, and racist narrative, including the Spanish conquest of the Americas, the Anglo-American expansionist colonialism the Age of Empires, and Nazi searchers for the Aryan homeland."

Man beachte, dass die angebliche historische "Verwendung" (besser: Missbrauch) von Platons Atlantis durch Kolonialismus, Rassismus usw. für Jason Colavito ausreicht, um die Absetzung der Serie zu fordern und zu feiern. Es wird kein einziges Argument vorgebracht, dass die Serie mit dem Thema Atlantis in einer Weise umgeht, die Kolonialismus, Rassismus usw. unterstützen würde. Die bloße Tatsache, dass es sich um eine Serie über die Suche nach Atlantis handelt, unabhängig von ihrem Inhalt, ihrer Präsentation, ihrer Perspektive und ihrer Qualität, dient als Grund, sie zu verurteilen. Das ist empörend.

Und dann stellt sich heraus, dass es nicht einmal stimmt, dass Atlantis seit langem zur Unterstützung all dieser Dinge missbraucht wurde. Die Voreingenommenheit von Jason Colavito hat dazu geführt, die Fakten zu übersehen.

In den ersten Jahrhunderten der spanischen Eroberung Amerikas war nicht Atlantisglaube, sondern Atlantisskepsis die Doktrin des spanischen Staates, um seinen Anspruch auf die Eroberung der Neuen Welt zu rechtfertigen. Der offizielle spanische Jurist für Amerika, Juan de Solórzano Pereira, lehnte 1629 ausdrücklich die Vorstellung ab, Amerika sei Atlantis. Ebenso der offizielle spanische Historiker der spanischen Eroberung der Neuen Welt, Antonio de Herrera y Tordesillas, im Jahr 1601. Der Grund dafür ist leicht zu erkennen: Spanien stützte seine Ansprüche auf das Recht des Erstentdeckers. Wenn Amerika Atlantis war und schon vor Kolumbus bekannt war, dann hatte dieser Anspruch keine Grundlage mehr. Spanien wies also offiziell und ausdrücklich die Idee zurück, dass Amerika Atlantis sei. Jason Colavito hat jedoch nie gefordert, die Atlantisskepsis aus den Medien zu verbannen, obwohl sie so offensichtlich zur Unterstützung des Kolonialismus missbraucht worden war.

Erst sehr viel später gab es eine kleine Gruppe von spanischen Autoren, die versuchten, die spanische Monarchie durch eine Verbindung zu Atlantis gegenüber den anderen europäische Monarchien aufzuwerten, so z.B. José Pellicer de Ossau 1673, Antonio Fernández Prieto y Sotelo 1738 und zuletzt Francisco Javier Manuel de la Huerta y Vega 1738. Dass damit auch die Kolonialherrschaft in Amerika gerechtfertigt worden wäre, hätten sich diese Autoren durchgesetzt, war eher ein Nebenergebnis dieser Bemühungen. Wie auch immer: Die Thesen dieser Autoren wurden von der beginnenden Aufklärung schnell der Kritik unterzogen und erlangten nie irgendeinen offiziellen Status.

Jason Colavito ignoriert auch konsequent die Tatsache, dass die Vorstellung, die amerikanischen Indianer seien Nachfahren von Atlantis, den frühen Befürwortern indianischer Rechte dabei half, ihre Forderungen gegenüber den Kolonialisten zu untermauern. Denn wenn die Indianer einst aus Atlantis stammten, wie angeblich auch die Europäer, dann stünden sie auf gleicher Ebene. Auch wenn uns diese Idee heute seltsam erscheinen mag, so war sie doch jahrhundertelang lebendig und wurde z. B. von Carlos de Sigüenza y Góngora 1680 und von Gian Rinaldo Carli 1780, um nur einige Beispiele von vielen zu nennen, gegen diejenigen vorgebracht, die meinten, die amerikanischen Indianer seien ein von Natur aus minderwertiges Volk.

Es ist ohnehin seltsam, Platons Atlantis mit einer rassistischen Motivation in Verbindung zu bringen. Denn es ist eine Geschichte über zwei Städte, von denen sich die eine auf das Erbe göttlichen "Blutes" stützt, die andere auf das Erbe der Bildung (paideia). Während sich die Stadt der Bildung durchsetzt, erleidet die Stadt des "Blutes" eine Niederlage. Das klingt nicht nach einer rassistischen Geschichte.

Ebenfalls ignoriert wird die Tatsache, dass Atlantis einst das Argument der Wissenschaft gegen den religiösen Aberglauben war. Als in der Antike das Christen aufkam, stellten die Platoniker – d.h. die "Wissenschaftler" jener Zeit – das Alter von Atlantis von 9.000 Jahren gegen die (angeblich biblische) These einiger Christen, derzufolge die Welt nur 6.000 Jahre alt sei. Und als die Wissenschaft nach dem Mittelalter, wiederum angeleitet von Platons Schriften, wieder ihr Haupt zu erheben begann, war Atlantis erneut eines der Argumente gegen den Dogmatismus der Kirche. Aber man liest nie, dass Atlantis diese positive Rolle in der Geistesgeschichte gespielt hat. Auch nicht in den Texten von Jason Colavito, wo Atlantis immer mit schlechten Dingen in Verbindung gebracht wird.

Der englische Kolonialismus machte von Atlantis überhaupt keinen Gebrauch. Der Vordenker des sich entwickelnden britischen Empires, John Dee, benutzte "Atlantis" als Namen für Amerika, offensichtlich weil er Amerika für Atlantis hielt. Mit dieser Verwendung war keine kolonialistische Absicht verbunden. Wie das spanische Reich begründete auch das britische Empire seine Ansprüche auf Kolonien mit dem Recht des Erstentdeckers, nicht aber mit Atlantis.

Auch die Behauptung, dass "die Nazis" an Atlantis glaubten, wie sie von Jason Colavito immer wieder in unterschiedlichen Formulierungen geäußert wird, ist nicht wahr. Es gab einzelne Nazis wie Heinrich Himmler, die privat und stillschweigend an pseudowissenschaftliche Ideen glaubten, darunter auch an Atlantis. Einige der von Himmler initiierten wissenschaftlichen Expeditionen könnte man als inoffizielle Atlantis-Expeditionen bezeichnen, ja (aber nicht die Tibet-Expedition). Aber "die Nazis" als solche? Die haben sich um Atlantis nicht gekümmert. Während die Nationalsozialisten an der Macht waren, hielten die Altertumswissenschaftler an den deutschen Universitäten Atlantis in ihren Veröffentlichungen weiterhin für eine Erfindung Platons. Atlantis war kein Thema in deutschen Schulbüchern. Und Hitler verspottete in einer Rede sogar Atlantisgläubigen. Auf dem Tonband ist das Gelächter des Publikums über die dummen Atlantisgläubigen zu hören. Indem er die Atlantisbefürworter lächerlich machte, hatte Hitler offensichtlich Erfolg bei seinem Publikum. So mancher Atlantisskeptiker von heute provoziert genau dieselbe Lächerlichmachung wie Adolf Hitler. Und zu guter Letzt: Würden wir "die Kommunisten" als Atlantisgläubige betrachten, wenn wir herausfinden würden, dass Trotzki im Stillen an Atlantis glaubte, Lenin und Stalin aber nicht?

Und was ist mit linksgerichteten Atlantisbefürwortern? Die gibt es natürlich auch! Aber nicht in der Welt von Jason Colavito. Der prominenteste linke Atlantisbefürworter unserer Zeit war wahrscheinlich Martin Bernal, Professor an der Cornell University. Martin Bernal machte nie einen Hehl aus seiner linksradikalen Agenda, und als er 1987 sein berüchtigtes Buch "Black Athena" veröffentlichte, löste er einen fulminanten Skandal in der Welt der Altertumswissenschaften aus. Platons Atlantisgeschichte war eines seiner Hauptargumente. Bernals völlig überzogene und schlecht begründete These lautete, dass die rassistischen weißen Griechen ihre gesamte Weisheit von Afrikanern und Asiaten gestohlen hätten. Für Bernal war Platon als Verfasser der Geschichte über Solon, der von Ägyptern (Afrikanern ...) von Atlantis erfuhr, ein Kronzeuge für seine pseudowissenschaftliche These. Bernal akzeptierte die historische Realität der Geschichte, um seine politische Agenda zu befördern. Bernals simpler, pseudowissenschaftlicher Ansatz, Platons Atlantisgeschichte für seine linksradikale Agenda zu missbrauchen, hätte eigentlich die Ablehnung jedes Entlarvers von Pseudowissenschaft verdient. Aber Jason Colavito spricht nie von Bernals Missbrauch der Atlantisgeschichte. In "The Legends of the Pyramids" wird lediglich davon gesprochen, dass Bernal mit seiner politischen Absicht, die kulturelle Arroganz der Europäer zu reduzieren, über das Ziel hinausgeschossen sei (S. 209 f.). Dass Bernal ein in der Wolle gefärbter Linksextremist war und dass es auch um Atlantis ging, bleibt ungesagt. – In Bezug auf Peter Kolosimo, einen italienischen Kommunisten, der 1969 pseudowissenschaftliche Ideen über Atlantis und andere Dinge veröffentlichte, wies Jason Colavito in einem Blogeintrag vom 21. Februar 2014 darauf hin, dass er Kommunist ist, um ihn mit sowjetischen Publikationen dieser Zeit in Verbindung zu bringen. Aber es wird versäumt, die entscheidende Frage nach Verbindungen zur westlichen linken Bewegung von 1968 zu stellen. Verbindungen, die sich bis heute im linken politischen Spektrum durchziehen.

Schluss

Es ist kein Problem, eine politische Meinung zu haben, aber man kann alles übertreiben. Wir haben festgestellt, dass der politische Eifer von Jason Colavito zu einem Problem für die Qualität seiner Aussagen über Wissenschaft und Pseudowissenschaft geworden ist. Das Phänomen ist nicht neu, aber in den letzten Jahren hat es eine Schwelle überschritten: Was einst eine tolerierbare Eigenart war, ist nun zu einem ernsten Problem geworden.

Wenn man seine Unvoreingenommenheit verliert, wenn man anfängt, rechtsradikale "Implikationen" und Motivationen zu sehen, wo es keine gibt, während man für alles auf der eigenen Seite des politischen Spektrums blind ist, wenn man anfängt, harmlose und legitime Themen als angeblich mit politischem Radikalismus kontaminiert zu denunzieren, dann hat man aufgehört, vernünftig zu sein, und man verliert seine Glaubwürdigkeit. Dann hat man aufgehört, ein Aktivist gegen Pseudowissenschaft zu sein, und man hat begonnen, ein Aktivist gegen die Wissenschaft zu sein. Man hat begonnen, Pseudowissenschaft zu fördern, denn wer wird schon an eine Wissenschaft glauben, die auf diese Weise verteidigt wird? Und man hat sogar angefangen, selbst Pseudowissenschaft zu produzieren: Denn was ist es sonst, wenn nicht Pseudowissenschaft, wenn man die Wissenschaft für seine politische Agenda in Dienst nimmt?

Jason Colavito sollte auf Ausgewogenheit achten. Er ist grundsätzlich dazu in der Lage. Ein hoffnungsvoller Satz aus seinem neuen Buch "The Legends of the Pyramids" lautet: "... but as with so many correctives, they often tried to make too strong a case for the opposite, reproducing many of the same errors in reverse." (S. 210)

In unseren Tagen ist dies nicht nur ein Problem von Jason Colavito. Das gesamte Wissenschaftssystem sollte sehr darauf achten, nicht in die Falle der politischen Einseitigkeit zu tappen. Denn seine Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel. Und ohne Glaubwürdigkeit ist die Wissenschaft nichts. Man kann keine Demokratie machen, wenn nur Linke mitmachen dürfen. Aber unter solchen Umständen kann man auch keine Wissenschaft machen.

Platons Atlantis hat nichts mit dieser ganzen zeitgeistigen Politik zu tun. Es liegt auf der Hand, dass die Frage, ob Platons Atlantis ein realer Ort war und welcher Ort genau gemeint war, mit all dem nichts zu tun hat. Das Problem ist nun 2.500 Jahre alt und hat viele Höhen und Tiefen der Geschichte überstanden. Dieses hochkomplexe Problem muss weit weg vom Lärm des Tages, in der Stille der Einsamkeit und der Zeitlosigkeit behandelt werden.

Offenlegung

Der Autor dieses Artikels hatte Jason Colavito auf Patreon von Dezember 2017 bis Juni 2021 mit sehr geringen Geldbeträgen gesponsert. Das Sponsoring wurde im Kommentarbereich von Jason Colavitos Patreon-Seite von Anfang an öffentlich mit dem folgenden Text angekündigt: "Jason Colavito does a good service to society by creating transparency in some dark corners. He is not perfect, but alas, who is? So, Thorwald C. Franke from Atlantis-Scout gladly supports Jason Colavito!".

Bibliographie

Zitierte Werke von Jason Colavito

Jason Colavito, Golden Fleeced – Lying about Atlantis, Aliens, and Argonauts in Greek Myth, kein Verlag, 2011.
Fee download: Externer Link

Jason Colavito, The Mound Builder Myth – Fake History and the Hunt for a 'Lost White Race', University of Oklahoma Press, 2020.
Externer Link

Jason Colavito, The Legends of the Pyramids – Myths and Misconceptions about Ancient Egypt, Red Lightning Books, Bloomington/Indiana 2021.
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Jason Colavito, Webseite und Blog
Externer Link

Blogbeitrag "The Blurry Line Between Fact and Fiction in Alternative History" vom 27. April 2013.
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Blogbeitrag "Review of Peter Kolosimo's 'Not of This World' (Pt. 1)" vom 21. Februar 2014.
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Blogbeitrag "A Minor Atlantis Mystery: Did Plato Correctly Describe Mycenaean Athens in the 'Critias'?" vom 04. April 2015.
Externer Link

Blogbeitrag "A 1917 Argument for Atlantis in Bronze Age Crete" of 07. August 2016.
Externer Link

Blogbeitrag. "Ignatius Donnelly and the Politics of Atlantis" vom 27. Juli 2018.
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Blogbeitrag "Discovery's 'Atlantis' Series Sinks" vom 02. Juni 2021.
Externer Link

Blogbeitrag "Scott Wolter Attacks Me in Epic Rant" vom 19. Juni 2021.
Externer Link Blogbeitrag "Review of Hunting Atlantis S01E01 'Mystery of the Golden King' " vom 21. Juli 2021.
Externer Link

Jason Colavito in SLATE 12. Februar 2021. "What UFOs and Joe McCarthy Have to Do With the Assault on the Capitol"
Externer Link

Interview mit Jason Colavito, von Chauncey Devega, in: Salon 21. Juni 2021.
"Why Tucker Carlson loves UFOs: Jason Colavito on the hidden links between conspiracy theories"
Externer Link

Interview mit Jason Colavito, von Chauncey Devega, in: Salon 09. August 2021.
"Vaccine paranoia: Why right-wingers are worried about their 'precious bodily fluids' "
Externer Link

Tweet 25. Juli 2021.
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Tweet 04. August 2021.
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Zitierte Werke von Thorwald C. Franke

Thorwald C. Franke, Aristotle and Atlantis – What did the philosopher really think about Plato's island empire?, published by Books on Demand, Norderstedt 2012. First edition, in German, was 2010.
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Thorwald C. Franke, Rezension zu: Jason Colavito, The Mound Builder Myth: Fake History and the Hunt for a Lost White Race, 2020.
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Thorwald C. Franke, Rezension zu: Jason Colavito, The Legends of the Pyramids – Myths and Misconceptions about Ancient Egypt, 2021.
Externer Link

Thorwald C. Franke, Kritische Geschichte der Meinungen und Hypothesen zu Platons Atlantis – von der Antike über das Mittelalter bis zur Moderne, 2nd edition in two volumes, published by Books on Demand, Norderstedt 2021. Erste Auflage war 2016 in einem Band.
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Anderes

Franco De Angelis / Benjamin Garstad, Euhemerus in Context, in: Classical Antiquity Vol. 25 No. 2 (2006); S. 211-242.



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